Fragen Sie Dr. Ludwig

Kennen Sie Ihre persönliche Bestzeit im Stau?

Werner Ludwig

Noch vor wenigen Jahren machten sich echte Autofreaks lustig über diese Elektrokisten, denen nach wenig mehr als hundert Kilometern der Saft ausging und die sich anhörten wie eine Flüsterspülmaschine vom Media-Markt. Diese Zeiten sind vorbei – dank staatlicher Förderung sind E-Autos im Mainstream angekommen. Und die Autobauer nutzen sie gerne, um sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen.

Beispiel Daimler. Voller Stolz verkündete der Konzern dieser Tage den Verkaufsstart des Mercedes-AMG EQS 53 4Matic+. Hinter der tippfehleranfälligen Bezeichnung verbirgt sich das erste batterieelektrisch angetriebene Serienmodell der auf sportliche Fahrzeuge spezialisierten Konzernsparte AMG. Der bis zu 761 PS starke Flitzer zapft selbstredend allerreinsten Ökostrom – und zwar an jeder öffentlichen Ladesäule in Europa, so das Versprechen. Mit einer größeren Verbreitung ist indes nicht zu rechnen. Mit einem Grundpreis von 152 546,10 Euro rangiert der Wagen etwas über dem Segment der Mobilitätsgrundversorgung.

Der EQS von AMG soll nicht nur nachhaltig tanken, sondern auch Passanten und Mitfahrende nachhaltig beeindrucken. In der Pressemitteilung ist von einem „kraftvoll-sonoren“ Klang die Rede – wie bei den Verbrenner-Boliden aus der guten alten Zeit. Damit das auch jeder mitkriegt, ist der Wagen mit modernster Soundtechnik ausgerüstet – ein sogenannter Bassaktuator stellt sicher, dass es auch richtig wummert, wenn man aufs Gas steigt. Bei dieser Gelegenheit fällt uns eine Studie ein, nach der Männer mit tiefen Stimmen besonders anziehend für Frauen sind. Wer sich selbst keinen Subwoofer einbauen will, hat nun zumindest die Möglichkeit, sein Auto mit sonorer Stimme sprechen zu lassen.

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Hinzu kommen individuelle Gestaltungsmöglichkeiten: Über Lenkradtasten kann man zwischen den Soundausprägungen „Sport“, „Powerful“ oder „Balanced“ wählen. Dass in der letztgenannten Variante leises Vogelgezwitscher zu hören ist, entstammt jedoch dem Reich der Gerüchte. Mit der Digitalisierung der Fahrgeräusche tun sich neue Geschäftsfelder für die Autoindustrie auf. Mit dem Download angesagter Motorgeräusche lässt sich vielleicht bald genauso viel Geld verdienen wie einst mit Handy-Klingeltönen. Wenn der Elektro-Stadtflitzer plötzlich klingt wie ein anfahrender 40-Tonner, ist dem Fahrer der Respekt anderer Verkehrsteilnehmer gewiss.

Aber am Ende zählt weniger das Geräusch als das, was auf der Straße ankommt. Und da lässt sich der EQS nicht lumpen. Mit dem „Dynamic Plus Paket“ beschleunigt er in 3,4 Sekunden auf Tempo 100 und schafft bis zu 250 km/h. Für Formel-1-reife Ampelstarts gibt es eine Boost-Funktion. Da kommt garantiert kein Coronavirus hinterher. Ein Booster von AMG schützt daher vermutlich besser vor Corona als einer von Biontech oder Moderna. Die Nebenwirkung in Form gesalzener Strafzettel wird die zahlungskräftige Zielgruppe nicht stören. Wer sich gerne auf einem Grand-Prix-Kurs wähnt, kann zudem den „virtuellen Renningenieur“ ordern. Damit soll der Fahrer jederzeit erkennen können, „ob er aktuell schneller oder langsamer als die Bestzeit ist“. Im täglichen Stau macht das bestimmt eine Menge Spaß.