Nachgefragt

„Ich fühle mich als Außenseiter“

Mr. Cavill, wie schon die „Witcher“-Romane ­des polnischen Autors Andrzej Sapkowski greift auch die Serienfassung Themen wie Rassismus und Vertreibung auf. Ist das eine Stärke der Story?

Ich denke, dass dieser Aspekt definitiv im Vordergrund steht, ja. In der ersten Staffel haben wir ja schon die Beziehung zwischen den Elfen und den Menschen angesprochen. In Sapkowskis Vorlage ist alles noch komplexer. Es geht nicht nur um Elfen und Menschen, sondern auch um Gnome und Zwerge. Wie sich das in der zweiten Staffel wiederfindet, will ich aber noch nicht verraten.

In den Geschichten geht es auch darum, als Monster betrachtet zu werden, nur weil man anders ist. Gab es in Ihrem Leben eine Phase, in der Sie sich als Außenseiter gefühlt haben?

Ich fühle mich oft wie ein Außenseiter. Als ich jünger war, fühlte ich mich wie ein Außenseiter, besonders in der Schule. Ich war nicht sehr beliebt. Ich habe es nicht geschafft, Freunde zu finden und gehörte einfach nicht zu den coolen Kids. Dann habe ich die Schauspielerei entdeckt. Ich schätze, ich habe mich in meinem Leben nie sehr angepasst. Wenn man dann stärker in der Öffentlichkeit steht, fühlt man sich auch ein bisschen wie ein Außenseiter. Jeder behandelt dich anders, das wird ein Teil deines Lebens.

Die Serie spielt in einer magischen Fantasiewelt. Glauben Sie, dass es auch im wirklichen Leben Phänomene gibt, die unerklärlich sind und den den menschlichen Verstand übersteigen?

Eigentlich bin ich ziemlich rational denkender Mensch. Aber in meinem Kopf ist auch Platz für Unerklärbares. Zumindest glaube ich das gerne. Es gibt so vieles, was wir noch nicht verstehen. Das ist doch etwas Wunderbares. Auch in romantischer Hinsicht habe ich die Hoffnung, dass es Dinge gibt, die über das hinausgehen, was wir heutzutage als Wissenschaft bezeichnen.

Netflix hat bereits eine dritte Staffel von „The Witcher“ bestellt. Für andere Rollen bleibt da kaum Zeit, oder?

Ich hatte das Glück, aus den Rollen, die mir in den letzten Monaten und Jahren angeboten wurden, stets auswählen zu können. Ich musste noch nichts ablehnen, weil es nichts gab, bei dem mir gesagt wurde: Wenn du nicht zu diesem bestimmten Zeitpunkt nicht kannst, dann kannst du es nicht machen. Wenn ich etwas heute nicht schaffe, dann verschiebt man es eben. Dafür schätze ich mich wirklich sehr glücklich.

Das Gespräch führte André Wesche.









Bestseller-Kolumne

Zu Gast bei Nazis

Markus Reiter

Wer von Rechtsradikalen unterwanderte Bürgergruppen johlend und fackeltragend vor den Wohnhäusern von Politikern aufziehen sieht, mag sich fragen: Was geht in den Köpfen dieser Personen vor? Wie ticken sie? Wie leben sie ihren Alltag? Schließlich sind die meisten Menschen ja nicht 24 Stunden am Tag böse und hasserfüllt. Zwischendurch werden sie ganz normal einkaufen gehen, sich um ihre Kinder kümmern oder Plätzchen backen. Aber wenn sie Plätzchen backen – stechen sie diese dann in Hakenkreuz-Form? In Bernhard Schlinksneuem Roman „Die Enkelin“ (Spiegel-Bestseller Belletristik Hardcover, Diogenes, 368 Seiten, 25 Euro) tun sie es.

Der Autor, von Hause aus Jurist, schaffte 1995 mit „Der Vorleser“ seinen internationalen Durchbruch als Schriftsteller. Darin verliebt sich der 15-jährige Schüler Michael Berg Ende der 1950er Jahre in eine deutlich ältere Straßenbahnschaffnerin. Diese stellt sich im zweiten Teil als ehemalige Wärterin einer Außenstelle des KZs Auschwitz heraus – und als Analphabetin. Das Buch steht inzwischen auf dem Lehrplan für den Deutschunterricht. Es löste seinerzeit eine heftige Debatte darüber aus, ob man Nazi-Verbrecherinnen so empathisch darstellen darf. Eine Diskussion, die dem Erfolg des Romans vermutlich eher genützt als geschadet hat.

Im neuen Buch geht der Protagonist, diesmal der siebzigjährige Berliner Buchhändler Kaspar, nicht minder verständnisvoll mit Brandenburger Neonazis um. Jener westdeutsche Kaspar hatte 1964 in einem kurzen Sommer der deutsch-deutschen Entspannung die DDR-Studentin Birgit kennengelernt und sich in sie verliebt.

Er ermöglichte ihr die Flucht über Ungarn und lebte mit ihr, die mit der Zeit an Alkoholismus erkrankt, über Jahrzehnte mal mehr, mal weniger entfremdet in Westberlin zusammen. Was er erst nach ihrem Tod aus ihren Aufzeichnungen erfährt: Birgit war vor ihrer Flucht schwanger und hatte die Tochter gleich nach der Geburt über eine Freundin an Unbekannte gegeben.

Kaspar gelingt es, die Tochter ausfindig zu machen. Sie lebt in einer Kommune völkischer Siedler und hat inzwischen selbst eine vierzehnjährige Tochter, die sie auf den sehr deutschen Namen Sigrun getauft hat. Der westdeutsche Buchhändler Kaspar begreift sich als der ideelle Großvater Sigruns und drängt sich sogleich in die völkisch gefestigte Familie.

Ein-, zweimal im Jahr holt er Sigrun für einige Wochen zu sich nach Berlin. Weil er niemanden verschrecken will, widerspricht er nur müde, wenn die Wahl-Enkelin am Holocaust zweifelt oder erklärt, dass nur Deutsche große Kultur schaffen können. Schließlich hilft er Sigruns Mutter sogar brav beim Hakenkreuz-Plätzchenbacken.

Schlinks unaufgeregter, man könnte auch sagen: langweiliger, Erzählstil passt sich dem Thema besser an, als es jüngst in seinem Erzählband „Abschiedsfarben“ der Fall war. Zugleich flacht der Stil die Figuren ab. Irgendwie reden in diesem Buch alle mehr oder weniger im gleichen Ton. Selbst die Nazi-Wutrede von Sigruns Vater Jörg klingt gestelzt und künstlich.

Am Ende weiß man als Leser nicht, ob man die allzeit verständnisvolle und allzeit zugewandte Art Kaspars (und damit Schlinks) als schwächelnden Humanismus verurteilen oder als Offenheit und Dialogbereitschaft bewundern soll. Stellenweise weiß der Roman seine Leser durch die vielen unterschwelligen Spannungen zwischen den Figuren für sich einzunehmen. Dann wieder gehen einem die großväterliche Zögerlichkeit und das lahme Erzähltempo auf die Nerven.

Ähnlich ambivalent steht manFlorian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ (Spiegel-Bestseller Sachbuch, S. Fischer, 432 Seiten, 24 Euro) gegenüber. Der ehemalige Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, Ex-Auktionshaus-Geschäftsführer und Ex-Rowohlt-Verleger verfügt über eine leichte, manchmal spielerische, leicht ironische und doch nicht verletzende Sprache.

Er hat vor allem ein feines Gespür für Themen und Darstellungsweisen, die in den Zeitgeist passen. Er ist Mitbegründer eines Genres, in kurzen, skizzenartigen Kapiteln mit rasch wechselnden Schauplätzen und Personen Eindrücke einer Epoche zu vermitteln. In seinem jüngsten Falle geht es um das Liebesleben von Schriftstellerinnen, Schauspielern, Sängerinnen, Philosophen und allerlei anderen Intellektuellen in den 1930er Jahren.

Nach der Lektüre behauptet hoffentlich niemand mehr, Patchworkfamilien seien eine Erfindung der Gegenwart. Der Text ist flüssig zu lesen und vermittelt einige überraschende Erkenntnisse (über das homoerotische Begehren Dietrich Bonhoeffers zum Beispiel oder die verquasten Ehen von Tucholsky und Kästner). Er gewinnt auch an Fahrt um das Jahr 1933, wenn viele der Liebenden plötzlich ins Exil gedrängt werden. Dennoch ermüdet das Springen von Beziehungschaos zu Beziehungschaos. Zumal man sich auf all das keinen Reim machen kann. Was ist, fragt man sich, die große These dieses Buches? Ein bisschen viel Bäume und ein bisschen zu wenig Wald.