Oskar Beck

Als der VfB noch Pelz trug

Oskar Beck

Die folgende Kolumne ist eine haarige Geschichte und nicht für jeden geeignet. Glatzköpfen ist vom Lesen dringend abzuraten – denn der Neid der Besitzlosen würde sie übermannen.

Wo fangen wir an?

Am besten am 5. Juni 1966, im Luzhniki-Stadion in Moskau. Die Sowjets empfangen zum letzten Testspiel vor der Fußball-Weltmeisterschaft die Franzosen, und deren Rechtsaußen freut sich, denn Trainer Henri Guérin hat ihm tags zuvor sein Debüt in der Équipe Tricolore versprochen. Aber morgens vor dem Spiel sagt der Trainer plötzlich zu seinem Rechtsaußen: „Das Büro Fédéral in Paris lässt ausrichten, Sie müssen zuerst zum Friseur.“

Der Rechtsaußen heißt Gilbert Gress, und er steht zu seinen Haaren, in voller Länge. Die Frisur zählt für ihn zu den Menschenrechten, „nichts wird abgeschnitten“, sagt Gress und weigert sich. Er spielt nicht. Und darf auch nicht mit zur WM.

Widerstandskämpfer wäre vielleicht zu viel gesagt, aber der resistente Elsässer hat sein Land anschließend verlassen und ist über die Grenze bei Straßburg ins Exil geflüchtet. Der VfB hat es ihm gewährt, und zum Dank hat Gress uns Schwaben dann derart die Fußballkultur beigebracht, dass er zur Kultfigur wurde. „Schillbär!!“, jubelte das Neckarstadion, alle liebten diesen Beatle mit Brustring, der da unten pfeilschnell trickste, flankte und an guten Tagen sogar selbst aufs Tor schoss. Heute soll ihm zu seinen Heldentaten noch mal gratuliert werden.

Gilbert Gress wird 80.

Erschrocken schauen jetzt alle, die ihn noch als flitzenden Schillbär erlebt haben, in den Spiegel und denken: Wir werden alt. Andererseits: Wir leben noch. Das ist tröstlich. Gress hat dieses Gefühl neulich treffend formuliert und einer Schweizer Zeitung erzählt, dass er demnächst eingeladen ist bei Olympique Marseille, zum 50-Jahr-Jubiläum des dortigen historischen Meisterteams. Er war einer der Helden, aber nur eine Handvoll kann jetzt noch kommen. Gress: „Ein paar sind verstorben, einer hat Alzheimer, einer Lungenkrebs, und einer fiel von der Leiter herunter.“

Frisurenmode beeinflusst

Gress hat Glück gehabt. Und die Haare immer noch schön. Es sind inzwischen weiße Haare, aber nach wie vor recht lange Haare. Sie geben im Winter warm und decken die Ohren ab, damit die nicht erfrieren, und sie lassen erahnen, was vor einem halben Jahrhundert als Mähne auf seinem Kopf wucherte. Keiner hat die schwäbische Frisurenmode im Fußball ähnlich beeinflusst, und der Schreiber hier schwört, dass er als Jungfan in den späten 1960ern in der Untertürkheimer Kurve des Neckarstadions die Haare aus Sympathie offen getragen und diesen flinken Filou dafür geliebt hat, wie er mit seinem wehenden Kopfschmuck über den Flügel flatterte und sich die feindlichen linken Verteidiger scharenweise die Haare rauften.

Gress war der erste Franzose in der Bundesliga, und er war so gut, dass ihm Robert Schwan, der große Manager des großen FC Bayern, irgendwann anno 1969 heimlich den noch größeren Rat ins Ohr flüsterte: „Ihr VfB-Vertrag läuft im Sommer aus, unterschreiben Sie nichts! Sie hören wieder von mir.“

Ein paar Wochen später, genau gesagt am Tag, als der VfB gegen Bayern spielte, rief Schwan an und sagte: „Franz Beckenbauer wird Ihnen heute während des Spiels bei einem Eckball einen Zettel in die Hand drücken, mit der Adresse drauf, wo wir uns treffen können.“

„Aber Herr Schwan“, antwortete Gress, „der kann mir doch nicht vor 80 000 Zuschauern einen Zettel geben.“ Also hat ihn der Bayer dann im Hotel abgeholt. Gress hat die Geschichte neulich einem Blatt in der Schweiz erzählt, und besonders hübsch wird sie an der Stelle, wo er schildert, wie Schwan zu seiner Gattin Beatrice sagte: „Sie müssten, falls es zwischen Gilbert und Bayern klappt, nicht zu Spielen kommen. Es ist sowieso besser, wenn die Frauen zu Hause bleiben, sonst kommt es zu Eifersüchteleien, wer den schöneren Pelzmantel hat.“

Die Bundesliga hatte gerade ihre berüchtigte „Mantel-Phase“. Die unbeschreiblichsten Pelze wurden von den Superstars zeitweise am Leib getragen. Auch beim VfB ließ sich etwas später Buffy Ettmayer in so einem fotografieren, aber bei den sparsamen Schwaben war das Fell aus Kaninchen, während sich Kaiser Franz, der Maier-Sepp und Gerd („Bomber“) Müller bei den Bayern in echte Nerze hüllten.

Gress blieb dann trotzdem beim VfB. Man weiß deshalb bis heute nicht, ob womöglich auch die Bayern versucht hätten, ihm die Frisur zu stutzen. In Stuttgart ist dieses Ungeheuerliche tatsächlich passiert, als Folge einer Niederlage, bei der Gress angeblich vor lauter Haaren das gegnerische Tor nicht sah. Der strenge VfB-Trainer Albert Sing, im Krieg gestählt an der Ostfront und versehen mit dem Kampfnamen „der Eiserne von der Alb“, strich seinen Verlierern das freie Wochenende, aber Gress fuhr trotzdem heim nach Straßburg. „Der Siach“, fluchte Sing, aber allzu brutal wollte er seinen besten Spieler dann nicht attackieren. Der Kompromiss war schnell gefunden: Strafhaarschnitt.

Über Nacht nach Marseille verkauft

Gress machte gute Miene zum bösen Spiel, als sie ihn in den Cannstatter Frisörsalon Grathwohl schleppten, wo sich Mitspieler Horst Köppel seine Frisur im Blitzlichtgewitter der mitgebrachten Fotografen mit einer Heckenschere vorknöpfte. Trainer Sing, dessen markanten Schädel eine zu der Zeit gerne getragene gusseiserne Dauerwelle schmückte, frohlockte zufrieden: „Jetzt wirsch no schneller, Schillbär, jetzt hosch koin Luftwiderstand mehr.“

Die Haare von Gress wuchsen dann aber rasend schnell wieder. Allerdings wurden sie nie so lang wie die Gesichter der Fans, als der VfB sein wertvollstes Stück über Nacht für einen Sack voller Geld an Olympique Marseille verkaufte. Als Trainer wäre Gress später um ein Haar zurückgekommen, heimlich traf er sich mit dem Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder in Zürich, aber er kam damals von Xamax Neuchatel nicht los. Gress war überhaupt ein begehrter Trainer, die Schweizer Nationalmannschaft hat er übernommen, und er wurde Schweizer Meister und in Frankreich Meister mit Racing Straßburg, wo er heute wieder lebt. Noch auf seiner letzten Station, dem FC Aarau, musste er den örtlichen Reportern in der ersten Pressekonferenz nicht sein taktisches Konzept erklären, sondern erst einmal seinen Haarschnitt. Danach war er noch TV-Experte und saß in der Jury der Fernsehshow „Die größten Schweizer Talente“.

Kurz: Schillbär war eine Show.

Übrigens auch im Südfunk, fast hätten wir jetzt seinen unvergesslichen Auftritt als Sänger in der „Sport-Abendschau“ vergessen. Es muss kurz nach der Heckenschere gewesen sein, denn Gress trug eine irritierend manierliche Frisur, als er mutig das Mikrofon umklammerte und hineinsang: „Ich wohne auf dem Dorf und melke jeden Tag die Kühe.“ Man findet das Video auf Youtube. Hören Sie rein, es lohnt sich.




Nachgefragt

„Ohne Gott kann ich nicht spielen“

Ludwigsburg

Herr Darden, wie fühlt es sich an, mit 40 noch Profisport zu betreiben?

Es ist wie ein wahr gewordener Traum, und es sind vor langer Zeit gesprochene Worte, die Realität geworden sind und immer noch werden. Als ich selbst 24 war, hatte ich das Privileg, ebenfalls mit einem Vierzigjährigen zusammenzuspielen, und habe damals gesagt, dass ich das selbst irgendwann gerne auch einmal tun würde. Dieses Kunststück nun zu vollführen ist mir von Gott gegeben worden.

Wie lautet denn Ihr Erfolgsrezept oder, besser, -geheimnis?

Alles fängt mit meiner Beziehung zu Gott an. Wenn ich diese Verbindung zu und die Verpflichtung Gott gegenüber nicht hätte, wäre ich nicht in der Lage zu spielen. Soweit ich das selbst beeinflussen kann, sind mir meine Ernährung, die richtige Regeneration und Krafttraining sehr wichtig. Das sind alles Dinge, die ich tun muss, um fit zu bleiben.

Hätten Sie sich zu Karrierebeginn vorstellen können, mit 40 noch zu spielen?

Ich konnte mir das schon immer vorstellen, bin aber selbst überrascht über das Level, auf dem Gott mir erlaubt, meine Leistung abzurufen. Ich arbeite noch immer sehr hart und strebe nach dem Bestmöglichen, das hilft auf jeden Fall. Ich weiß aber auch, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, einen Coach an meiner Seite zu haben, der in meine Fähigkeiten vertraut und mir die entsprechenden Möglichkeiten und Chancen gibt.

Gibt es einen denn Höhepunkt, an den Sie sich besonders erinnern?

Definitiv: Das große Finalspiel in Australien, als ich 31 Punkte gemacht habe – 21 davon im dritten Viertel –, um dem Team zu helfen, den Titel zu gewinnen. Es war der krönende Abschluss einer Saison, in der ich mich stark weiterentwickelt habe.

Wie lautet Ihr Rat an junge Spieler, damit sie lange Profi bleiben können – es muss ja nicht gleich bis 40 sein?

Auf jeden Fall so früh wie möglich anzufangen, besser und möglichst gesund zu essen. Sich nach jedem (Kraft-)Training zu dehnen und immer mit der gleichen Intensität wie im Spiel zu trainieren. Die Körpermitte zu stärken ist besonders wichtig, denn mit der Stabilität fängt alles an. Nehmt Ratschläge von älteren Spielern an, die versuchen, euch weiterzuhelfen.

Wie lange haben Sie noch vor, die Fans weiter aktiv zu beglücken?

Bislang wird diese meine letzte Saison sein. Wenn Gott mir aber erlaubt, die gesamte Saison dieses Level abzurufen, würde ich es mir noch einmal überlegen. Es ist hart, so weit weg von meiner Familie zu sein und die Entwicklung meiner Kinder aus der Entfernung mitzuverfolgen. Und: Die Leute sehen immer nur eine Zahl, bei mir ist das die 40 – egal wie gut ich spiele oder wie fit ich aussehe.

Das Gespräch führte Joachim Klumpp.





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