Hilfe für den Nachbarn

Der Überfall hat noch nach Jahren Folgen

Sybille Neth  Diesen Tag vergisst Frau J. nie: In einem idyllischen Dorf, am helllichten Tag griff ihr ein Unbekannter mit beiden Händen von hinten um den Hals und würgte sie. Sie konnte sich befreien, aber seither leidet sie unter einer Angststörung. Damals war sie so durcheinander, dass sie keine Anzeige erstattet hat. Der Überfall vor rund acht Jahren hat Folgen bis heute und war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Seit ihrer Jugend leidet Frau J. an einer psychischen Krankheit. Zudem war sie magersüchtig. Dies hat sie durch eine Therapie überwunden und erzählt stolz, dass sie in den zurückliegenden drei Jahren 20 Kilo zugenommen hat. Tortellini mit Schinken-Sahne-Soße ist ihr Leibgericht. Das wird sie sich bald in ihrer gerade eben gefundenen Wohnung oft selbst kochen.

Allerdings muss sie dafür noch die Kücheneinrichtung anschaffen für die sie kein Geld mehr hat, denn Frau J. lebt von Erwerbsminderungsrente. Die liegt etwa 50 Euro über dem Satz, mit dem sie aufstockende Leistungen über das Jobcenter beanspruchen könnte. Frau J. bekommt deshalb keinen Kredit des Jobcenters für die Möblierung der Wohnung und keine Beihilfe für den Umzug. Sie muss alles selbst finanzieren.

Erst vor Kurzem musste sie wegen ihrer psychischen Erkrankung ihre Arbeitsstelle im öffentlichen Dienst aufgeben. Eine eigene Wohnung hatte sie schon länger nicht mehr, sondern lebte in einer Wohngemeinschaft des betreuten Wohnens für psychisch kranke Menschen. Dort ging einiges schief. „Die Mitbewohnerin wurde aggressiv und sie hat mich bestohlen“, berichtet Frau J. „Wir haben auch sonst nicht zusammengepasst.“ Sie machte sich deshalb auf die Suche nach einer Wohnung für sich alleine. Als kleines Weihnachtswunder hat sie nach einem Dreivierteljahr Wartezeit kürzlich den Mietvertrag für eine Sozialwohnung erhalten.

Über die Feiertage bleibt Frau J. noch stationär in einer psychiatrischen Klinik, dann wird sie in die noch spärlich eingerichtete Wohnung einziehen: „Ich hatte in meinem WG-Zimmer meinen Schrank, Regale, ein Bett und mehrere Umzugskartons.“ Für den Transport der wenigen Habseligkeiten musste sie dennoch 800 Euro bezahlen.

Frau J. will bald wieder arbeiten, obwohl es ihr an manchen Tagen wegen ihrer Angststörung schwerfällt, das Haus zu verlassen. „Ich beginne zu schwitzen, bekomme Schwindelanfälle und Herzklopfen“, berichtet sie. Die Frau um die vierzig hat eine qualifizierte Berufsausbildung und ist zuversichtlich, dass sie wieder eine Anstellung finden wird. Die akute Krankheitsphase hat sie in Geldnot gebracht.

Es ist Herrn V. peinlich, Hilfe anzunehmen. Schließlich hat er immer gearbeitet – bis sein Gesundheitszustand dies nicht mehr zuließ. Er war gerade 40 Jahre alt als er einen Herzinfarkt erlitt und seine sonstigen gesundheitlichen Probleme immer gravierender wurden, sodass er nicht mehr arbeiten konnte. Herr V. besitzt einen Behindertenausweis und muss mit einem künstlichen Darmausgang leben. Kürzlich ging die uralte Waschmaschine kaputt. Der ehemalige Handwerker, der jetzt Anfang sechzig ist, hat schon versucht, von Hand zu waschen, aber er kann mit seinen Händen keine Wäsche mehr auswringen. Er pflegte jahrelang seine Mutter bis zu deren Tod und wohnte mir ihr zusammen in der elterlichen Wohnung. Die gesamte Einrichtung stammt von seiner Mutter und die Couch im Wohnzimmer ist schon länger zusammengebrochen. Herr V. versuchte sie zu reparieren, aber das Möbelstück ist nicht mehr zu retten. Er erhält eine kleine Rente in Höhe von rund 800 Euro sowie Wohngeld. Die Mittel für den Ersatz der Waschmaschine und für ein neues Sofa hat er nicht.

Seine ehrenamtliche Arbeit in der Küche eines Stadtteiltreffs macht Herrn S. große Freude. Er ist zuständig für den Einkauf von Lebensmitteln und für den Service. Wie in einer Restaurantküche sind im Stadtteiltreff die Aufgaben streng verteilt. Herr S. ist der Beikoch, er schnippelt, backt und richtet die Speisen an. Außerdem hält er die Küche sauber. Herr S. springt immer wieder ein, wenn der hauptamtliche Koche krank ist. Dann managt er den ganzen Ablauf in der Küche alleine. Nun ist sein eigener Herd zuhause kaputt und er kann sich einen Ersatz nicht leisten, denn er lebt von Grundsicherung.





Kommentar

Region muss den Neuanfang wagen

Kai Holoch

Eine solche Ohrfeige hat Nicola Schelling nicht verdient. Sicher hat die noch amtierende Direktorin des Verbands Region Stuttgart in den vergangenen acht Jahren Fehler begangen und sich mit ihrem oft resoluten, kompromisslosen Auftreten wenig Freunde gemacht. Aber sie hat sich auch – etwa mit ihrem Europa-Engagement – um die Region verdient gemacht. Dass sie bei der Neuwahl nur noch von drei Regionalräten Unterstützung bekam, hängt aber sicher auch damit zusammen, dass im Vorfeld bereits klar war, dass ihre erneute Kandidatur zum Scheitern verurteilt war. Ihr eine Stimme zu geben, wäre verschenkt gewesen. Das ist bitter, aber so funktioniert Demokratie nun einmal.

Nun gibt es also an der Spitze der Geschäftsstelle des VRS einen Neuanfang – wobei das Auftreten des nun gewählten Alexander Lahl durchaus Hoffnung macht, dass sich dort wirklich vieles zum Besseren wenden könnte. Das Versprechen, in der Geschäftsstelle einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen und die Kompetenzen aller Mitarbeitenden zu stärken, zu schützen und zu stützen, klang ebenso überzeugend und ehrlich wie das Angebot an die Regionalräte, für ein vertrauliches Miteinander zu sorgen. Er sehe seine Rolle auch als Brückenbauer. Man darf gespannt sein.

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Lahls souveränes Auftreten und seine überzeugende Bewerbungsrede können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Auswahlmöglichkeiten des Gremiums eher begrenzt waren. Dass trotz der gewaltigen gesellschaftlichen Veränderungen und der damit verbundenen Transformationsprozesse in der Industrie und im Nahverkehr sich gerade einmal acht Männer und fünf Frauen für den Posten des Regionaldirektors interessierten, stimmt schon nachdenklich.

Schwierige Aufgaben liegen vor dem VRS. Den Neuanfang in der Geschäftsstelle sollten alle Beteiligten deshalb zu einer Standortbestimmung nutzen: Wo stehen wir – und was können wir besser machen? Nur wenn alle Beteiligten bereit sind, bisherige Positionen und das eigene Verhalten zu hinterfragen, kann ein Neuanfang gelingen.