Kommentar

Die riskante Wette der Notenbanker

Barbara Schäder

Die Inflationsrate steigt und nagt an den Ersparnissen der Bürger, weil sie für Geld auf dem Bankkonto kaum noch Zinsen bekommen. Die Empörung über die Europäische Zentralbank (EZB) ist deshalb groß.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Ja, jeder Euro auf dem Konto verliert durch die Inflation an Kaufkraft. Zugleich aber haben die Bankguthaben der Deutschen Rekordniveau erreicht. Das liegt daran, dass die Ausgaben für Reisen und Freizeitaktivitäten in der Pandemie gesunken sind. Und daran, dass eine Mehrheit trotz Krise kaum Einkommenseinbußen erlitten hat.

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Die Kombination aus billigem EZB-Geld und Staatshilfen hat eine tiefere Rezession verhindert. Dass die Bundesregierung angesichts der vierten Coronawelle erneut die Überbrückungshilfen für Unternehmen verlängert hat, wurde ihr durch die niedrigen Zinsen erleichtert. Andere Länder hätten sich ohne Schützenhilfe der EZB gar nicht leisten können, Betrieben und Arbeitnehmern unter die Arme zu greifen.

Nun leiden die Verbraucher mittlerweile aber unter der Inflation. Die Bank of England hat auf dieses globale Problem jetzt mit einer Zinserhöhung reagiert, die US-Notenbank Federal Reserve will 2022 nachziehen.

Die wirtschaftliche Erholung ist in der angelsächsischen Welt weiter fortgeschritten als in der Eurozone. Gleichwohl muss auch die EZB einen Plan für den Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik präsentieren. Wenn sie selbst für das kommende Jahr eine Inflationsrate über drei Prozent erwartet, reicht eine bloße Reduzierung der monatlich verabreichten Geldspritzen nicht aus.

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Eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik schwächt den Euro gegenüber dem Dollar, und das hat Folgen für die weitere Entwicklung der Energiepreise: Wenn für in Dollar gehandelte Rohstoffe wie Öl immer mehr Euro gezahlt werden müssen, trägt dies zur Teuerung bei. Bei anderen Waren ist der Zusammenhang zwischen niedrigen Zinsen und Inflation noch deutlicher: Unternehmen können die durch Lieferengpässe und Verteuerung von Rohstoffen erhöhten Produktionskosten leichter an ihre Kunden weitergeben, wenn teure Anschaffungen problemlos auf Pump finanziert werden können.

Mit ihrer zögerlichen Haltung nährt die EZB Zweifel, ob sie zu einer Straffung ihrer Geldpolitik überhaupt noch in der Lage ist – zumal sie die letzte Möglichkeit dafür bereits zwischen Euro- und Coronakrise verstreichen ließ. Sollte sich der Verdacht erhärten, dass die Notenbank die Zinsen aus Rücksicht auf hoch verschuldete Länder gar nicht mehr anzuheben wagt, so könnte die Inflation tatsächlich aus dem Ruder laufen. Dann müsste die EZB hart gegensteuern – mit schmerzhaften Folgen für die Wirtschaft.