Leitartikel

Keine Zeit verlieren

Norbert Wallet

Es hat nichts mit Panikmache oder Alarmismus zu tun, wenn der Expertenrat der Bundesregierung die Politik vor der kommenden Omikron-Welle warnt und zum entschiedenen Handeln auffordert. Wir wissen noch nicht alles über die neue Spielart der Covid-19-Erkrankung, aber was wir wissen, ist ohne Zweifel besorgniserregend: Der neue Virus-Typ verbreitet sich in sehr großem Tempo, er trifft auch Geimpfte, vor allem, wenn ihre Zweitimpfung schon eine Weile zurückliegt, und wen es trifft, der hat oft auch Symptome.

Die gelegentlich zu hörende Hoffnung, eine Infektion mit Omikron verlaufe „milder“ als etwa bei der Delta-Variante, ist trügerisch. Zwar scheint es so zu sein, dass extrem schwere Verläufe seltener auftreten. Aber der Omikron-Ausbruch in Oslo zeigt, dass auch Geimpfte Symptome wie Fieber bekommen. Das Virus trifft in Deutschland auf eine Bevölkerung, die gerade einmal zu einem Drittel über eine Drittimpfung verfügt, und einen durchaus nennenswerten Teil aufweist, der vollkommen ohne Impfschutz auskommen will. Und es trifft auf eine Situation, in der das Land noch im Griff der Delta-Welle ist, deren Inzidenzen zwar zurückgehen, aber noch ausreichend hoch sind, um die Klinken erheblich zu belasten.

Die Daten machen klar, welche Gefahr droht: Selbst wenn Omikron weniger sehr schwere Fälle verursacht, wird der Effekt durch die bloße Menge der Fallzahlen ausgeglichen und das Gesundheitssystem extrem belastet, vermutlich überlastet werden. Und die vielen symptomatischen Verläufe gefährdet kritische Infrastruktur, weil in allen – Branchen durch Krankenstand massiver Personalausfall droht.

Was also tun? Natürlich müssen die Booster-Impfungen mit großer Energie auch zwischen den Jahren weitergeführt werden. Karl Lauterbach hatte allen Grund, hier auf größtmögliche Beschleunigung zu setzen, auch wenn er sich von Friedrich Merz den in gönnerhaft-bräsigem Alte-Männer-Gestus vorgetragenen Vorwurf einhandelte, der Minister neige „leider in gewissen Situationen zu Übertreibungen“. Nur reicht das Boostern bei Weitem nicht aus. Selbst bei rasantem Boostern wäre Anfang des Jahres über die Hälfte der Bevölkerung eben noch nicht drittgeimpft.

In den Niederlanden gilt bereits ein weitgehender Lockdown. Man kann natürlich der Meinung sein, unsere Nachbarn seien dümmer als wir oder die Ansicht vertreten, dass es bei uns einfach nicht so schlimm wird. Man kann aber auch schlichtweg tun, was die Experten uns raten. Die Politik weiß genug, um zu handeln. Es wäre völlig absurd, einen Expertenrat zu berufen und seine Empfehlungen in den Wind zu schlagen. Die aber sind eindeutig. Die Wissenschaftler empfehlen „insbesondere gut geplante und gut kommunizierte Kontaktbeschränkungen“, aber auch Krisenpläne für den Fall des Ausfalls zentraler Infrastruktur.

Im Moment sieht es aus, als werde die Politik den Schwerpunkt ihrer Reaktion auf die Zeit nach Weihnachten verschieben. Die Coronageschichte sollte lehren, dass jede Verzögerung mit umso härteren späteren Maßnahmen bezahlt werden muss. Das Virus hält sich nicht an christliche Festkalender. Die nun anbrechende Zeit ist ohnehin eine Zeit mit Schulferien und freien Tagen für viele Arbeitnehmer. Das sollte genutzt werden, um viele Aktivitäten verpflichtend herunterzufahren. Im Übrigen gibt es keinen Grund, auf die Politik zu warten. Jeder kann von sich aus Kontakte reduzieren, auf Reisen verzichten, Masken tragen. Es wäre auch ein Gebot der in den Vorweihnachtstagen so oft bemühten Nächstenliebe.