Leitartikel

Die Mär von der  Dunkelflaute

Alexander Del Regno

Stuttgart Am letzten Tag des Jahres 2021 kommt es zu einer Zäsur in Deutschlands Energiewirtschaft: Drei der verbliebenen sechs Atomkraftwerke (AKW) gehen vom Netz. Darunter jenes in Gundremmingen bei Günzburg, das Teile Bayerns und Baden-Württembergs fast vier Jahrzehnte lang mit Strom versorgt hat. Für die regionale Wirtschaft ist das ein willkommener Anlass, um vor Stromausfällen zu warnenund die Politik zum Umdenken aufzufordern.

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Wieder spukt das Schreckgespenst namens Dunkelflaute durchs Land. Es soll erscheinen, wenn gleichzeitig weder der Wind weht noch die Sonne scheint. Dann könnten Windräder und Solaranlagen nicht mehr ausreichend Strom liefern; es komme zu Blackouts, zu Produktionsausfällen und zu finanziellen Desastern, mahnt die Industrie.

Das oft bemühte Narrativ von der gefährdeten Versorgungssicherheit durch erneuerbare Energien ist jedoch so alt wie der Atomausstieg selbst – das womöglich auf 2030 vorgezogene Ende der Kohlekraft befeuert die Debatte nun zusätzlich. Dabei haben sich verschiedene Forschungseinrichtungen des Themas längst angenommen – zuletzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Berlin. Wie mehrere Studien zuvor kommt auch das DIW zu dem Schluss, dass das Angebot von Energie auch ohne Atom- und Kohlekraftwerke gesichert ist. Zumal Strom zwischen den europäischen Ländern je nach Bedarf gehandelt wird.

Dennoch ist Versorgungssicherheit kein Selbstläufer – die Energiewende muss endlich entschieden angegangen werden. Es müssen moderne Gaskraftwerke her, die perspektivisch mit grünem Wasserstoff betrieben werden können, dezentrale Blockheizkraftwerke, um flexibel auf die Nachfrage zu reagieren, und Energiespeicher. Der Ausbau von Wind- und Solaranlagen muss konsequent erfolgen, ebenso der von Leitungen, die Ökostrom von Norden nach Süden transportieren sollen. Bürokratische Hürden müssen dazu fallen.

Zwar verweisen Bund und Südwesten darauf, die langwierigen Genehmigungsprozesse für Windparks und Stromleitungen jetzt beschleunigen zu wollen. Doch gerade in Baden-Württemberg – wo die Atomkraft-nein-danke-Partei die Landesregierung seit zehn Jahren führt und deren Wahlerfolg 2011 unter anderem erst durch das Reaktorunglück von Fukushima möglich wurde – hätte man sich früher zu diesem Schritt durchringen können. Auch die Regierungen unter Merkel, die einst die Rolle rückwärts bei der Laufzeitverlängerung für AKW eilig verkündet hatte, haben die seinerzeit zum Vorzeigeprojekt auserkoreneEnergiewende immer wieder schleifen lassen. Nun muss die Ampel beweisen, dass sie es besser kann.

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Keinesfalls ableiten aus den Versäumnissen der Vergangenheit lässt sich aber ein Ausstieg aus dem Ausstieg. Wie Kohlekraft ist die Kernenergie nicht mehr rentabel in Deutschland. Und auch die angebliche globale Renaissance der Atomkraft – teils unter dem Deckmantel des Klimaschutzes – entpuppt sich bei näherer Betrachtung als eine Aneinanderreihung von Ankündigungen.

Die wenigen Projekte, die sich tatsächlich im Bau befinden, sprengen sämtliche Zeit- und Kostenpläne. Die offenen Fragen zur Kernenergie bleiben indes unbeantwortet: Ist die Sicherheit gewährleistet? Wohin mit dem Atommüll? Was, wenn atomares Material in falsche Hände gelangt? Auch neuartige modulare AKW oder Flüssigsalzreaktoren bleiben den Nachweis schuldig, zuverlässig, günstig und gefahrlos zu funktionieren.

Derweil werden in Deutschland bis Ende 2022 auch die letzten drei Meiler abgeschaltet. Das ist kein Grund, Gespenster zu sehen.