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Es war nicht alles schlecht

Vor einem Jahr um diese Zeit war ich mir sicher: Das Schlimmste liegt hinter uns. Wir hatten den fauligen Corona-Atem des Historischen hinter der Stoffmaske gespürt, dabei aber immer schön Abstand gehalten in der Gewissheit, dass 2021 ganz bestimmt wieder normaler werden würde als dieses vermaledeite 2020.

Wie so oft ist die Realität dann doch enttäuschender ausgefallen als erhofft. Ich kann mich an ungefähr fünf unbeschwerte Minuten im Jahr 2021 erinnern: Der September glänzte in seiner besten Rolle als Spätsommer. Wir hatten uns über die Grenze nach Dänemark gewagt. Dort fühlten wir uns sicher, zwischen Hygge und Hotdogs, denn die tapferen Dänen hatten in ihrer gewohnt stilsicheren Art Corona soeben für beendet erklärt. Das machte Hoffnung.

An den Rest des Jahres kann und will ich mich nicht erinnern. Alles geriet so düster, dass ich für ein kleines bisschen Normalität mittlerweile alles geben würde: Für eine Rückkehr in eine Welt vor Corona würde ich mir eine Fernsehzeitschrift kaufen, als wäre es wieder 1995, um mit einem Stift lineare Sendungen anzukreuzen. Falls es etwas helfen sollte, würde ich sogar wieder einen „Tatort“ gucken, und zwar, Höchststrafe, einen aus Köln oder München. Ich würde in die Königstraße gehen und mich von einer schlecht gelaunten Verkaufskraft anpflaumen lassen, als gebe es kein entspanntes Online-Shopping. Ich würde sogar in einen schlecht belüfteten Club zu einem Poetry Slam gehen, um den holprigen Versen eines Germanistikstudenten mit Hybris zu lauschen. Wobei, so viel Kraft hätte ich dann doch nicht.

Bei näherer Betrachtung war 2021 vielleicht doch nicht alles schlecht. Wir mussten keine Stoffmasken mehr im Ofen bei Umluft erhitzen, aus Gründen der Desinfizierung. Außerdem hat uns 2021 einen neuen Oberbürgermeister gebracht. Er kam, sah und grinste. Nachdem er die Murr überschritten hatte, brachte er uns das Riesenrad. Während sein Vorgänger, der grüne Fritz Kuhn, lange vor der Pandemie den Eindruck erweckt hatte, eineinhalb Meter Sicherheitsabstand zu seinen Mitmenschen seien auf keinen Fall ausreichend, hat Frank Nopper keine Berührungsängste. Er wird das Virus 2022 persönlich in die Knie zwingen: mit einem Fassanstich Biontech bei der Eröffnung der zweiten Riesenradsaison. Unterstützt von unserem Minister für Hip-Hop, Rap und Finanzen, Danyal Bayaz.

Was außerdem Hoffnung macht: Forscher haben herausgefunden, dass Zebra­fische über einen Großteil unserer genetischen Ausstattung verfügen. Wir können 2022 also alle Coronaleugner und sonstigen Verschwörungsanhänger durch Zebrafische ersetzen, ohne inhaltlichen Qualitätsverlust. Nun hoffe ich nur noch eines: dass wir an dieser Stelle in einem Jahr nicht zu der Erkenntnis kommen, 2021 war im Vergleich zu 2022 doch eigentlich total dufte.




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