Glosse

Stuttgarter Verhüllungsfantasien

Jan Sellner

„Was macht die Kunst?“, fragt der Prinz in Lessings „Emilia Galotti“. Und der Hofmaler Conti antwortet: „Die Kunst geht nach Brot!“ Das ist naheliegend, weil man es sonst mit brotloser Kunst zu tun hätte. In Stuttgart gibt’s glücklicherweise genügend Brot und damit Geld – und es gibt Kultur. Und wenn beides zusammentrifft, das Geld und die Kultur, kann etwas Gutes entstehen – zum Wohle der Kulturstadt. Der Pas des deux von Porsche und Ballett ist so ein Beispiel.

Manchmal finden Geld und Kultur in Stuttgart aber auch nicht zusammen. Das Eine sucht das Andere – und findet’s nicht, oder das Geld ist unschlüssig, wonach es eigentlich sucht. Damit sind wir beim Stuttgarter Gemeinderat, der im neuen Doppelhaushalt pauschal 1,5 Millionen Euro für ein nicht näher definiertes Kunstwerk zur Verfügung stellt. Dieses Kunstwerk – nennen wir es die große Unbekannte – soll über die Stadt hinaus Aufmerksamkeit erregen und die Menschen in Scharen nach Stuttgart locken. Zum Wohle des Städtetourismus.

Die Idee stammt von der künstlerisch bis dato unauffälligen CDU-Gemeinderatsfraktion. Sie orientiert sich dabei gleich mal an der Weltstadt Paris, die in diesem Herbst Schauplatz eines spektakulären Kunsthappenings war. Die Bilder des verhüllten Arc de Triomphe – ein Spätwerk Christos – gingen um die Welt. So etwas in der ART würde auch nach Stuttgart passen, dachte sich die Marketing-Truppe um CDU-Fraktionschef Alexander Kotz, als sie den Millionenbetrag reservierte. Stuttgart hat’s ja, und in den Augen der Ratsmehrheit hat auch die Kunstidee etwas. Die Frage ist nur, welche Kunscht soll es denn sein?

Leider leben die großen Verhüllungskünstler Christo und Jeanne-Claude nicht mehr und können bei der Beantwortung der Frage somit nicht behilflich sein. Sie haben der Nachwelt auch keine Idee für die Verhüllung einer Stuttgarter Sehenswürdigkeit – oder Scheußlichkeit – hinterlassen. Seltsam, wo doch nichts näher läge, als die Stadtautobahn B 14 zu verhüllen. Oder den Bahnhof.

Die CDU muss, wenn sie ein Klein-Paris schaffen will, schon eigene Verhüllungsfantasien entwickeln. Es gibt allerdings Grenzen des Verhüllbaren. Die Stadtbibliothek zum Beispiel scheidet aus; sie ist bereits zugebaut! Auch der Neckar kommt nicht in Frage; den hat Stuttgart nach allen Regeln der Kunst versenkt. Und leider besitzt die Stadt auch kein Triumphbögle, sondern nur ein halblebiges Löwentor und eine Jubiläumssäule, die ohnehin oft eingerüstet ist.

Dann das Stadion vielleicht? Kommt nicht in die Tüte! Angesichts der aktuellen sportlichen Leistungen sollte man sich eher in Schweigen hüllen! Bleiben der Fernsehturm. Die Grabkapelle. Oder die Stäffele? Doch Vorsicht! Bekanntlich hat die Stadt in bester Absicht einige Stäffele im Pop-Art-Stil bemalen lassen. Die Leute sollten zum Stäffelesteigen animiert werden. Animiert fühlte sich aber vor allem der Steuerzahlerbund. In seinem jüngsten Schwarzbuch listet er die Stäffeles-Kunst doch glatt als Beispiel für Geldverschwendung auf! Und da ging’s „nur“ um 75 000 Euro und nicht um 750 000 Euro pro Haushaltsjahr.

Die Sache mit der Kunst ist also kompliziert. Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass hier das Rössle beim Schwanz aufgezäumt wird. Es empfiehlt sich ein Plan B. Wenn das Geld und das Brot und die große Unbekannte nicht zusammenfinden, könnte man überlegen, etwas davon in die Jazz-Open zu stecken. Auch das ist eine Form von Kunst im öffentlichen Raum, von der Stuttgart profitiert. Man darf auch gerne vorhandene Kunstobjekte besser pflegen und sie mit Hilfe eines digitalen Stadtführers einem breiten Publikum zugänglich machen.

Mit dem Verhüllen von Stuttgart dürfte es hingegen schwierig werden. Vielleicht sollte der Gemeinderat erst mal etwas enthüllen: nämlich, was er unter Kunst versteht.



Schauplatz Stuttgart

Mit Zuversicht geht alles viel besser!

Uwe Bogen

Halb leer oder halb voll? Die Glasfrage beantwortet Gaby Hauptmann ganz klar in Richtung voll. Wie alle anderen habe Corona ihre Familie gebeutelt. Dennoch lässt sich die Bestsellerautorin von Optimismus antreiben und freut sich auf „ganz besondere Momente“, die selbst die Pandemie nicht verhindern könne. Am 27. Januar erscheint ihr neues Buch, das entsprechend heißt: „Unser ganz besonderer Moment“. Der Roman spielt auf einem alten Weingut, das zwei Frauen wachküssen wollen. Klar, da geht viel schief, eine komplizierte Liebe kommt dazwischen. Selbst wenn das Leben dir Knüppel zwischen die Beine wirft, so die Botschaft, solltest du besondere Momente genießen. Zu diesen Momenten zählt Gaby Hauptmann, „wenn ich meine alte Abi-Clique zum Skifahren treffe“. Sie freut sich darauf, „mit meiner Tochter und ihrer Hündin durch die Natur zu streifen“. Die Autorin zitiert vor Silvester gern Einstein: „Wenn’s alte Jahr erfolgreich war, freue dich aufs neue. War es schlecht, dann erst recht.“

Generalmusikdirektor Cornelius Meister ist sehr zufrieden mit seinem „ungebrochenen Optimismus“, der ihn durchs Leben begleite. 2022 freut er sich auf viel Musik und hofft, „endlich die Kolleginnen und Kollegen nach den Aufführungen wieder herzlich und voller Bewunderung für ihre grandiosen Leistungen in den Arm nehmen zu können“.

Ballettstar Friedemann Vogel ist zuversichtlich, sorgenfreie Vorstellungen im voll besetzen Opernhaus erleben können: „Wir haben ja gelernt, Probleme mit Erfindungsreichtum und Fantasie überwinden zu können und neue Lösungen zu finden.“ Schriftsteller Heinrich Steinfest sagt: „Auch wenn es selbstverliebt klingen mag, aber vielleicht freut sich der eine oder die andere auf meinen Roman, der im goldenen Herbst 22 erscheint, mit dem Titel ,Der betrunkene Berg‘, eine Geschichte, in der es oft um Rettung geht.“ Stylistin Randi Bubat freut sich „auf einen hoffnungsvollen, herausfordernden Perspektivenwechsel gepaart mit weiten Herzen und aufs Dauner-Memory im Theaterhaus“. Ballett-Chef Eric Gauthier sagt, die junge Generation habe die Rückkehr zum normalen Leben am meisten verdient. An seinen drei Kindern könne er sehen, „wie viel sie verpasst haben“. Deshalb plant Gauthier Dance 2022 Projekte mit jungen Leute. Überzeugt ist er davon, „selbst etwas dafür tun zu können“, damit sich Dinge ändern.

„In der Natur gibt es trotz allen Unheils und schlechter Prognosen weltweit immer Abenteuer und ganz besondere Momente zu entdecken“, sagt Extrembergsteigerin Heidi Sand. Leider müsse man „noch eine ganze Weile“ mit dem Virus leben, befürchtet Christina Semrau , die Botschafterin des Kinderhospizes, aber sie ist „zuversichtlich, dass wir mit hoher Impfquote positiv in den Sommer 2022 starten können“. Besonders freut sie sich, „dass in Stuttgart die Idee eines Cross-over-Projekts wächst“.

Jungwinzer Thomas Diehl hofft, „dass wir die Party, die wir in Anlehnung an die 1920er eigentlich vor zwei Jahren feiern wollten, 2022 umso schöner nachholen können“. Sein Smoking sei auf jeden Fall bereit dafür.

Martin Bruchmann , Star des Staatstheaters, gerade in „KaDeWe“ zu sehen, freut sich auf seine Debüt-EP im neuen Jahr und hofft, „ein paar schöne Konzerte“ geben zu können. Und Kiwanis-Präsident Zoltán Bagamérry zitiert mit Blick aufs neue Jahr ebenfalls Einstein: „Unsere wichtigste Entscheidung ist, ob wir das Universum für einen freundlichen oder feindlichen Ort halten.“




Schauplatz Stuttgart

Der Bayern-Star, der OB und der miese Stadionrasen

Uwe Bogen

Zum VfB kam Nationalspieler Serge Gnabry , der 1995 in Stuttgart geborene Sohn einer schwäbischen Mutter und eines von der Elfenbeinküste stammenden Vaters, als der OB seiner Geburtsstadt noch Wolfgang Schuster hieß – damals war der heutige Bayern-Star gerade mal zehn Jahre alt. Auf Weihnachtsurlaub besucht der Mittelfeldspieler, der in 31 Länderspielen 20 Tore für Deutschland geschossen hat, seine Heimat. Seine Eltern leben in Weissach. Im La Commedia sitzt er vergnügt mit Freunden am Tisch, freut sich auf den Fisch in der Salzkruste, als man ihn fragt, ob er sich mit dem Stuttgarter OB fotografieren lässt. „Ja gern, wenn es der echte OB ist“, antwortet Gnabry und lächelt. Einer wie er hat schon viele Fake News von Selfie-Jägern gehört.

Ja, es ist der richtige. Frank Nopper (CDU), der gerade in seinem Weihnachtsurlaub daheim fürs Comeback des Riesenrads vorm Neuen Schloss im nächsten Herbst getrommelt hat, ist an diesem Abend, der um 22.30 Uhr wegen der Sperrstunde enden muss, mit Ehefrau Gudrun Nopper und einem befreundeten Ehepaar ebenfalls Gast in dem italienischen Restaurant im Hospitalviertel.

Der Fußballstar, der in München lebt und davor für Arsenal in London spielte, wusste nicht, wer der OB von Stuttgart ist. Damit im Lokal der Wirte Piero Cuna und Luigi Aracri, denen in der für die Gastronomie schwierigen Zeit der unangekündigte Promiaufmarsch gut tut, die anderen Gäste nicht noch mehr starren als ohnehin schon, gehen wir hinter den Vorhang zum Renitenz-Theater. Kaum haben Nopper und Gnabry festgestellt, dass sie über Gemeinsamkeiten verfügen (beide spielten einst auf der Waldau Fußball, der OB als Schüler für den TUS, der Torschütze für die Kickers, und beide waren an Corona erkrankt), entspannt sich ein Gespräch, das nicht an der Oberfläche bleibt.

Impfung, die massive Kritik an Bayern-Star Joshua Kimmich , die Rolle der Medien dabei, die schlechten Rasenverhältnisse in Stuttgart, Wünsche fürs neue Jahr – dies sind die Themen, die ein junger und ein älterer Stuttgarter nun zu besprechen haben. Der eine ist 26, der andere 60 Jahre alt.

„Wann ist bei euch Sperrstunde?“, fragt Gnabry. In München sei sie um 22 Uhr. Die Stuttgarter haben eine halbe Stunde mehr.

Seine zufällige Begegnung mit dem OB nutzt der Bayern-Star gleich mal, um eine Beschwerde loszuwerden. Der Rasen in der Mercedes-Benz-Arena, sagt er, sei eine Zumutung. Gegen diesen Acker müsse die Stadt was tun, findet Gnabry. Nach dem 5:0-Sieg der Bayern gegen den VfB Mitte Dezember hatte sein Trainer Julian Nagelsmann vermutet, die Schwaben hätten den Platz vorm Anpfiff „gekämmt“. Die Grashalme seien länger gewesen als in anderen Stadien: „Das ist oft ein Indiz dafür, dass der Platz nicht gut ist.“

Frank Nopper erzählt, dass er im letzten Sommerurlaub in Frankreich einen Anruf auf dem Handy von Oliver Bierhoff bekam. Der DFB-Manager habe ihm gesagt, dass der Rasen im Waldau-Stadion zum Training des deutschen Teams nicht tauge. Da müsse schnell was geschehen. Schließlich steigt die Nationalmannschaft bei ihren Stuttgart-Besuchen stets im Waldhotel ab und trainiert bei den benachbarten Kickers. Der miese Rasen ist also nicht allein ein VfB-Problem.

„Das Waldhotel ist 1a“, lobt Gnabry, der bei Instagram zweieinhalb Millionen Follower hat, aber immer schön sein Privatleben dabei raushält (nur seine Freundin, ein Model aus Zürich mit polnisch-äthiopischen Wurzeln, postet gelegentlich ihr Liebesglück).

Dann will der 26-jährige Offensivstar wissen, was der Stuttgarter OB von der massiven Kritik hält, die seinen Kollegen Kimmich traf, als sich dieser nicht impfen lassen wollte. „Impfen ist natürlich wichtig“, findet der CDU-Politiker, „aber was auf Kimmich eingeprasselt ist, war zu heftig.“ Nopper beklagt eine „Skandalisierung der Medien“. Gnabry, der selbst an Corona erkrankt war und sich deshalb erst im November impfen lassen konnte, pflichtet ihm bei. Er fand die Kimmich-Attacken nicht gut. Der Journalist gibt zu bedenken, dass für Skandale andere sorgten und es Aufgabe der Medien sei, diese aufzudecken und darüber zu berichten.

Serge Gnabry ist ein Sohn der Stadt und steht mit seinem westafrikanischen Vater für Stuttgarts Diversität. In London wurde er mit 17 als „German Wunderkind“ gefeiert. Frank Nopper sagt, wie stolz Stuttgart auf seine Nationalspieler ist. Und Gnabry, der mit Bayern schon alle Titel geholt hat, sagt, worauf er sich im neuen Jahr am meisten freut: „Auf die WM!“ Da will er’s wissen!

Das Gespräch endet, weil die beiden zurück an ihre Tische gerufen werden. Das Essen kommt! Viel Zeit bleibt nicht. Um 22.30 Uhr ist Schluss. Wirt Luigi Aracri ist später überrascht, dass es „keinerlei Probleme“ mit dem Zapfenstreich gibt. Seine Gäste zahlen rechtzeitig, gehen pünktlich von allein. Keinen muss er an einem vielleicht kurzen, aber schönen Abend rausschmeißen. Die Gastronomie ist zum Glück doch nicht am Ende, sondern ermöglicht noch fröhliche Stunden.