Leitartikel

Machen wir’s gut

Matthias Schmidt

Die graue Wolke, die über diesem Jahreswechsel hängt, lässt sich schwer wegdiskutieren. Sie ist getränkt von der Enttäuschung, dass 2021 den wichtigsten Wunsch nicht erfüllt hat: die Rückkehr zur Normalität. Stattdessen vierte Welle, fünfte Welle, immer noch Kontaktbeschränkungen, die Sorgen um die Kinder, um die Alten – um jeden, mit dessen Gesundheit das Coronavirus Roulette spielt. Und war es nicht auch sonst ein Jahr zum Verzweifeln?

Gleich zu Beginn der Sturm aufs Kapitol in Washington am 6. Januar, das Fanal einer Demokratie am Abgrund. Und in der Folge die Befürchtung, dass Ähnliches bei uns drohen kann. Die Normalisierung von Desinformation und faktenbefreiten Weltbildern schreitet auch hier voran, Querdenker- und Impfgegnerdemos zeugen davon. Doch es kommt noch mehr zum düsteren Bild.

Verheerende Brände in fernen Ländern und die Sturmflut direkt in der Nachbarschaft; ein im Suezkanal quersitzender Tanker und die Erfahrung gestörter Warenflüsse; die neu befeuerte Systemkonkurrenz zwischen demokratischen und autoritären Staaten. Werden letztere sogar besser mit Corona fertig? Wenn sich Demokratien mit ihren hakeligen Entscheidungen schon mit der Pandemie schwertun, wie sollen sie erst mit dem viel komplexeren Klimawandel fertig werden? Also: Decke über den Kopf – und bloß keine falschen Hoffnungen für 2022?

Dann aber sähe man die Sonnenstrahlen nicht, die es auch gibt, die Dinge, die sich mit recht großer Wahrscheinlichkeit bald bessern werden. Die mRNA-Technologie, die schon den Weg aus der Coronamisere boostert, verspricht große Fortschritte auch im Kampf gegen Malaria und Krebserkrankungen. Die deutsche Industrie wird sich 2022 nach eigener Einschätzung rasant erholen; die Auftragsbücher sind prall gefüllt. Der Ausbau der grünen Stromproduktion wird sich massiv beschleunigen, wenn auch andernorts vermutlich schneller als bei uns.

Kann sich noch jemand vorstellen, dass nicht nur die Inzidenzzahl, sondern auch Gutes in exponentieller Geschwindigkeit wachsen kann, wenn einmal die ersten Schritte getan sind? Die Zuversicht, die dafür nötig ist, entspringt weniger einer Schicksalsgläubigkeit, sondern der Möglichkeit, durch eigenes Handeln auf Verbesserung hinzuwirken. Sie ist mehr Arbeitsauftrag als Glücksversprechen, man kann das bei Ernst Bloch („Das Prinzip Hoffnung“) lesen. Oder bei den Beatles hören. „Take a sad Song and make it better“, raten sie in „Hey Jude“ einem deprimierten Teenager. Nimm das traurige Lied und mach es besser, das ist als Handlungsoption gemeint. Psychologen gilt die Erfahrung von Selbstwirksamkeit – der Einfluss des eigenen Tuns auf die Umstände – als ein wichtiger Baustein seelischer Robustheit. Warum sollte man annehmen, dass es der Gesellschaft als Ganzes anders geht?

Im Konkreten aber macht es Mühe, wie beispielsweise die Frage nach dem Umgang mit Verschwörungsgläubigen zeigt. Es ist nicht die Hälfte der Gesellschaft, sondern eine Minderheit, da hat Kanzler Scholz recht. Der Staat muss ihr klare Grenzen setzen, wo sie das Recht bricht. Persönlich aber gilt es auch, eine Basis für Gespräche zu erhalten, eine Haltung zurückzuweisen, ohne den Menschen abzuwerten, der sie einnimmt.

Der demokratische Staat wiederum muss seine Effizienz merklich steigern, um Daseinsvorsorge und nötige Veränderungen im Dienste des Klimas zu vereinen. Die Ampel hat sich dafür zu Recht viel vorgenommen. Aber es ist eine Mammutaufgabe, für die es auch eine kluge Opposition und viel zähe Zuversicht brauchen wird. Morgen beginnt ein neues Jahr. Machen wir’s gut.