Kommentar

Verpasste Chance

Knut Krohn

Die Europäische Union hätte Historisches leisten können. Mit der sogenannten Taxonomie hätte sie völlig neue Standards im Kampf gegen den Klimawandel etablieren können. Der transparente und wissenschaftlich fundierte Kriterienkatalog hätte als Richtschnur für Investoren auf der ganzen Welt dienen können, die ihr Geld in umweltfreundliche Projekte anlegen wollen. Doch wieder einmal ist die EU im Konjunktiv steckengeblieben, und eine richtungsweisende Idee wurde im mächtigen Getriebe der wirtschaftlichen und politischen Interessen zerrieben.

Gas- und Atomkraftwerke werden nun wohl doch als klimafreundliche Energiequellen in die Taxonomie aufgenommen, wenn auch nur als eine Art Brückentechnologie. Damit aber ist der ursprüngliche Gedanke, mehr Anleger und damit viel Geld für nachhaltige Investitionen zu gewinnen, verloren gegangen. Denn die Menschen, die sich für grüne Fonds interessieren, können nicht mehr darauf vertrauen, dass ihr Erspartes, das sie in zukunftsträchtige Solarstromfirmen oder Windparks investieren wollen, nicht auch in den Erhalt längst überholter Kernkraftwerke fließt. Die Folge wird sein, dass Investoren abspringen und einige Firmen die Taxonomie zum sogenannten „Greenwashing“ nutzen werden, sich also umweltfreundlicher verkaufen, als sie in Wirklichkeit sind.

Die EU, die sich unter Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen gerne als Vorkämpferin gegen den Klimawandel darstellt, ist in diesem Fall über vollmundige Ankündigungen nicht hinausgekommen. Vermutlich wird in den kommenden Wochen bis zur endgültigen Verabschiedung der Taxonomie noch an einigen Formulierungen geschliffen werden. Das Vertrauen der enttäuschten Anleger wird auf diese Weise allerdings nicht zurückgewonnen.