Genuss-Sache

Das neue Jahr wird gut!

Götz Thieme

Alle 365 Tage der gleiche Kokolores. Vorsätze zum neuen Jahr. Die Medien äffen uns mit Versprechen wie: So erreichen Sie Ihre Ziele! Wie wir unser Hirn überwinden! Alle diese Tipps und Vorhaben laufen oft auf eines hinaus: Leid. Weil wir wieder abnehmen sollen oder Geld sparen oder mehr Sport treiben. Das macht keinen Spaß. Da wird uns etwas genommen. Außerdem sind diese Pläne eh nach einer Woche vergessen. Jetzt aber, Geheimtipp. Zwölf an der Zahl. Für jeden Monat im kommenden Jahr – 2022 wird wunderbar, glauben Sie mir.

Januar. Wir machen nicht mit bei einer dieser aus den USA hergespülten Kampagnen. Dry January? Wir trinken fröhlich weiter. Februar. Der Kalender annonciert am 2. des Monats den Welttag der Feuchtgebiete. Gehören dazu Badeanstalten? Dann besorgen wir uns gleich eine ordentliche Schwimmbüx. März. Frühlingsanfang. Öfter im Blumenladen um die Ecke sich einen Strauß binden lassen. April. Ostern liegt ziemlich spät: rechtzeitig die Weihnachtsmänner zu Hasen umschmelzen.

Mai. Mindestens dreimal ordentlich essen gehen. Juni. Beim Wandern Sonnenschutzcreme nicht vergessen. Juli. Luft, Licht, Liebe: eine große Gartenparty für die Familie schmeißen. August. Mindestens fünfmal ordentlich essen gehen. September. Die Pandemie röchelt ihrem Ende entgegen, dem Sommer sei Dank und vernünftigen Menschen. Außerdem ist die Virusvariante Opakorn ziemlich harmlos. Besser aber für den Herbst schnell noch boostern.

Oktober. Am 9. ist der Tag des Weltpostvereins. Also bitte, Leute, nicht so viele Pakete ordern, sondern lieber einen Brief schreiben. Mit Füller. Liebesbotschaften kommen immer gut an. November. Wir wählen fortan nur noch AfD! Kleiner Scherz – die närrische Jahreszeit beginnt. Narrenkappen entmotten! Dezember. Das Jahr beenden wir, wie wir es begonnen haben. Wie sagt die Sommelière Paula Bosch: „Champagner kippen, nicht nippen.“




Dinge der Woche

Abnehmen mit Hanf

Auf die opulente, besinnungslose Verzweiflungsvöllerei im Kreise der liebsten Geimpften folgen traditionell die Tage der Wahrheit. Das Girokonto schrumpft so schnell wie die Zuversicht, dass das anstehende Jahr besser werden könnte als das dahinvegetierende. Die Leber wächst proportional zur Inflationsrate, gegen die persönliche Kapitulation hilft auch kein Boostern mehr.

Derweil glänzt das aufgedunsene Gesicht wie ein ranziger Festkartoffelsalat. Zwischen den Speckrollen blinzeln materialmüde Vanillekipferl hervor. Die Menschen bewegen sich kaum noch, Millionen Wurstfinger klemmen in Fernbedienungen fest, manch einer wird dieser Tage von der Feuerwehr aus seinem Kühlschrank oder dem eingewachsenen Fitnessarmband freigeschweißt. Sport, Hohldrehen und Wutschreie sollen angeblich helfen, doch selbst die entschlackenden Coronaspaziergänge mit Gleichgesinnten sind nun verboten. Mit letzter Kraft wuppt man sich aus dem verbeulten Sofa, die Hosennähte jaulen fast so laut auf wie die Einzelhändler, Bardamen, Gastronomen und die FDP angesichts des gefühlten Dauerlockdowns. Kein Zweifel: Deutschland hat ein massives Figurproblem. Alles wabbelt.

Auf dem Weg zur Waage stolpert man lallend über Leergut und Spritzbesteck und beginnt zu rechnen: Die Inzidenz des Wohnortes multipliziert mit dem eigenen Body-Mass-Index geteilt durch den Blutdruckwert von Wolfgang Kubicki ergibt die Zahl der sich pandemisch ausbreitenden Sorgenfalten auf Winfried Kretschmanns Stirn. Da hilft nur noch eine Diät. Hier einige Vorschläge:

Schlankschlafen: Wer schläft, sündigt und nascht bekanntlich nicht. Also: ab in die Heia! Bei Einschlafproblemen im taghellen Homeoffice hilft eventuell ein Blick in den Handspiegel. Schnaaarch! Oder das nochmalige Abhören der Regierungserklärung von Olaf Scholz, die so mitreißend war, dass man sofort bis zur nächsten Legislaturperiode ins Wachkoma fällt.

Trennkost: Trennen Sie sich von allem, was nervt und den Kummerspeck wuchern lässt – von Proteinen und Kohlenhydraten, von der Ehefrau, von den Kindern, vom Arbeitgeber und vom Land Sachsen. Durch die Trennung werden überschüssige Gallensäuren abgebaut, die Kilos purzeln und man fühlt sich schon bald federleicht wie ein abgenagter Truthahn.

Klimafasten: Diese Radikalkur eignet sich perfekt für Fanatiker, die an die Wiedergeburt als Windrad oder Robert Habecks kompostierbare Unterhose glauben. Dabei verzichtet man bis Ostern auf fossile Brennstoffe in Tank, Avocadopampe und Müsli, kündigt dem skrupellosen Stromanbieter und friert sich rippenklappernd schlank.

Hanf-Diät: Statt billige CDU-Nackensteaks gibt es ab sofort zu den Hauptmahlzeiten Hanf aus grünem, vom Tüv Kabul zertifiziertem Anbau. So kifft man sich bequem die Birne weg, bis Corona vorbei ist und Schweine hierzulande Einser-Abitur machen. Am Ende ähnelt man figurmäßig dem fitten Landwirtschaftsminister. Oder einer dürren, fettfreien Glosse.



Adrienne Braun

Mit Stöhnen verwöhnen

Adrienne Braun

Noch schnell ein Kolumnistenwort – Eh unser aller Geist schwirrt fort, Und im Akkord die Korken knallen Statt süßem In-die-Arme-Fallen. Da nichts mit Walzer, Roben, Schlips, Bleibt vielen nur der Schampusschwips.

Ersäufen wird man dieses Jahr, Das wahrlich kein beliebtes war. Im Ordner flugs es abgelegt, den schnell man in den Keller trägt. Besiegelt der Kalendertausch Mit veritablem Neujahrsrausch.

Doch eh wir es zu Grabe tragen, Will ich noch einmal herzhaft klagen. Denn eines hat das Jahr gelehrt: Am besten lebt, wer sich beschwert! So will ich jetzt Zwei-Eins bekrönen Mit einem Hoch aufs stete Stöhnen.

Allein wie dieses Jahr sich eilte, stets rannte, hetzte, nie verweilte. Zugleich wollt’s nicht vorübergeh’n, Als tät’ es auf der Stelle steh’n. Nie wusst’ man, was es will und soll. Drum: Punktabzug im Protokoll.

Empörend auch, wie fad und dumm Man plötzlich saß zu Hause rum. Einst litt man herrlich unter Stress. Jetzt heißt die Losung schlicht: Tristesse. Man schreibt uns vor, wen wir wo seh’n? Dann lieber trotzig Däumchen dreh’n!

Auch Tränen flossen literweise, weil die wohlverdiente Reise ins Fünf-Sterne-Golfresort Mit Wellness und De-luxe-Komfort Man fristen sollte ganz spontan im Allgäu bloß – statt im Oman.

Viel Mitleid gab’s für die Tortur, Die schwer erdrückt, ach, die Kultur. Man weint sich fast die Augen aus, Dass Künstler spiel’n vor leerem Haus. Zum Trost sie auf der Bühne seh’n? So weit wollt man dann doch nicht geh’n.

Ließ lieber sich den Tag verderben Vom ungebremsten Ladensterben. Denn eine Stadt verliert an Charme und wäre ohne Shopping arm. Doch recht bequem ist’s eben schon, drum kauft man nur bei Amazon.

Tränen weint’ auch oft die Jugend Als Hüterin von Recht und Tugend. Sie will die eigne Zukunft retten vor jenen, die im Flieger jetten. Bei einem aber ist sie mild: beim Stromverbrauch fürs Streaming-Bild.

Ob links oder auch rechts des Rheins, in einem sind sich alle eins: Das, was die Politik verzockt, Hätte man selber nie verbockt. Warum man sich nicht engagiert? Weil’s netter sich doch kritisiert.

Die Wangen sind vor Kummer blass, Das Tränentuch pitschpatschenass, Es gäbe noch so viel zu jammern, In unser aller warmen Kammern. Doch hell strahlt es durch Schlüsselloch – Drum will ich raus aus diesem Joch.

Ich wünsche mir und auch euch allen: Den Sprung über die Jammerfallen. Schluss mit Lamento, Mäkeln, Schimpfen Und mit verwöhntem Nase-Rimpfen. Der Blick verrückt bloß um ein Stück: Da ist’s doch schon, das kleine Glück.




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