Leitartikel

Schulstart in turbulenter Zeit

Bärbel Krauß

Der eine oder andere Stoßseufzer der Erleichterung wird in baden-württembergischen Familien mit schulpflichtigen und Kitakindern zuletzt gewiss laut geworden sein – und das zu Recht. Zum Jahresende schwebte in Gestalt einschlägiger Forderungen das Damoklesschwert breitflächiger Schulschließungen mit Wechsel in den Fernunterricht über Schülern, Eltern und Lehrkräften. Damit wäre ausgerechnet in der Zeit, in der sich der Ausbruch der Pandemie zum zweiten Mal jährt, der schulisch-familiäre Ausnahmezustand aus früheren Coronawellen wieder komplett.

Jetzt aber kommt es anders. Die erste Stunde nach den Weihnachtsferien am Montag findet in den allermeisten Fällen im Klassenzimmer statt. Dass das nicht nur für Baden-Württemberg gilt, sondern in weiten Teilen Deutschlands, ist eine gute Nachricht für die Schulgemeinde zum Start ins neue Jahr. Dass Staaten wie Frankreich oder Schweden ihre Schulen in der Pandemie bei Weitem nicht so lange geschlossen hatten wie die Bundesrepublik, wirkt hierzulande zudem als Mahnung, dieses Instrument wirklich nur in der allergrößten Not erneut einzusetzen. Auch das ist ein Fortschritt.

Leider führt Corona in der Omikron-Variante trotzdem dazu, dass den Schulen auch im Südwesten wechselhafte und stressreiche Wochen bevorstehen. Noch ist zwar nicht absehbar, wie genau und wann das Virus in der eigenen Region zuschlägt. Aber sicher ist: Bleiben die Schulen im Grundsatz offen, werden sich auch viele Kinder und Jugendliche, Lehrkräfte und Erzieher mit der Omikron-Variante infizieren.

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Offen ist, auf welche Quarantäneregeln der Bundeskanzler und die Ministerpräsidenten sich an diesem Freitag einigen und wie diese auf die Schulen heruntergebrochen werden. Wenn die Pandemieexperten mit ihren Prognosen nicht völlig schiefliegen, werden Schulen und Lehrerkollegien durch Corona- und Quarantänefälle auf jeden Fall an den Rand ihrer Funktionsfähigkeit geraten – und darüber hinaus. Klassen oder ganze Schulen werden zeitweise und manchmal auch ganz kurzfristig auf Fernunterricht umschwenken müssen. Das wird eine harte Zeit für die Betroffenen.

Immerhin sind die deutschen Schulen heute deutlich besser gerüstet als am Anfang der Pandemie – sei es bei der Ausstattung mit Laptops, beim digital-pädagogischen Know-how, bei Luftfiltern, durch Erfahrungen mit Fernunterricht und durch die deutlich ausgeweiteten Kinderkrankentage für Eltern, die nicht arbeiten können, weil ihre Kinder zu Hause Betreuung brauchen. Blindheit für die Not der Schulen in Zeiten der Pandemie oder gar unterlassene Hilfeleistung kann man den Regierungen in Bund und Ländern nicht mehr vorwerfen. Viele Hausaufgaben wurden in den letzten Jahren gemacht.

Auf einem anderen Blatt steht, dass das Kultusministerium in Stuttgart äußerst desinteressiert an aktuellen schulischen Coronafakten und überhaupt an den Schuldaten ist. Schon allein die Tatsache, dass die Digitalisierung der Schulstatistik 15 Jahre hinter anderen Bundesländern her hinkt, ist ein handfester Skandal. Das hemmt auch eine zielgenaue Coronapolitik für die Schulen.

Doch für die Bewältigung der nächsten Welle ist entscheidend, dass Bund und Länder Lehrern die gleichen verkürzten Quarantäneregeln einräumen wie anderen Beschäftigten in besonders wichtigen Betrieben. Diese Gleichstellung ist dringend nötig. Gepaart mit einer Flexibilität der Schulen beim Umgang mit Corona-Notlagen wäre das eine Grundlage, um einigermaßen geordnet durch die nächsten Wochen zu kommen.