Kommentar

Eine riesige Herausforderung

Dass der fortschreitende Klimawandel auch vor Deutschland nicht haltmacht, haben die Überflutungen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr überdeutlich gezeigt. Auch Stuttgart ist vor den Auswirkungen der Erderwärmung nicht gefeit. Es ist daher begrüßenswert, dass der Gemeinderat bis weit in die bürgerliche Mitte hinein zur Einsicht gelangt ist, dass das bisherige Ziel, die Landeshauptstadt bis 2050 zur klimaneutralen Stadt zu machen, deutlich vorgezogen werden muss.

Das Jahr 2035, auf das sich offenbar eine breite Mehrheit der Stadträte einschließlich des Oberbürgermeisters als neue Zielmarke verständigen kann, ist allerdings zunächst nur ein Symbol. Nun wird es darauf ankommen, rasch die Maßnahmen und Kosten für den Umbau im allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aufzuzeigen, die notwendig sind, um das angestrebte Ziel auch wirklich zu erreichen.

Dass das nicht ohne Schmerzen und Einschränkungen abgehen wird, ist jetzt schon klar. Der Umbau der Mobilität, die energetische Sanierung vor allem des riesigen privaten Wohnungsbaubestands in Stuttgart und der massive Ausbau erneuerbarer Energien werden den Bürgern, aber auch Gewerbe und Industrie einiges abverlangen. Deswegen kommt es nun darauf an, auch die Vorteile des klimagerechten Umbaus der Stadtgesellschaft noch viel deutlicher als bisher zu kommunizieren. Denn ohne das aktive Mitmachen der Bürger und der Wirtschaft bleiben noch so ehrgeizige Zielmarken nur graue Theorie.



Glosse

Der Mensch als Papagei

Jan Sellner

Für die Sprache gilt dasselbe, was Erich Kästner einst so treffend über die Mode gereimt hat – sie kann ganz schön „pfuiteuflisch“ sein: „Plötzlich färben sich die Klassefrauen, weil es Mode ist, die Nägel rot! Wenn es Mode wird, sie abzukauen oder mit dem Hammer blauzuhauen, tun sie’s auch und freuen sich halbtot.“

Tatsächlich unterliegt auch die Sprache der Mode. Sagten wir „tatsächlich“? Da geht’s schon los! Tatsächlich gibt’s Leute, die tatsächlich in jedem zweiten Satz „tatsächlich“ sagen. Wer’s nicht glaubt, kann gerne eine Strichliste führen. Das Ergebnis ist verblüffend. Ein geübter Tatsächlich-Sprecher bringt’s in einer Minute tatsächlich auf ein halbes Dutzend Tatsächlichs. Morgen wird’s dann ein anderes Füllwort sein, ausgestreut von einem „Influencer“.

Apropos: Bei vielen Mitmenschen kann man es sich inzwischen sparen, sie nach ihrem Wohlbefinden zu fragen. Bei ihnen ist grundsätzlich „alles gut!“ Bemerkenswert nur, wie lange schon „alles gut“ ist. Und natürlich „geil“. Der Ausdruck ist, mit Kästner gesprochen, pfuiteuflisch anzuhören, aber modisch gesehen so langlebig wie eine Jeans. Gleiches gilt für die Phrase „am Ende des Tages“ – gewissermaßen die Abendrobe unter den Sprachmoden. Bei Lichte betrachtet ein unansehnlicher Sprachfetzen. Man wünschte sich, er würde aussortiert, wie das bei dem ausgebleichten „nicht wirklich“ gerade der Fall zu sein scheint.

Für Feinhörige stellen Floskeln eine akustische Belästigung dar. In diesem Wissen hat die Schweizer „Sonntagszeitung“ zum Jahresanfang eine Liste mit Begriffen zusammengestellt, „die wir 2022 nicht mehr hören wollen“. Dazu gehört Alltagsgeplapper wie „Ich bin ganz bei dir“ oder „Ich will das gar nicht werten“. Die meisten Begriffe „die wir nicht mehr hören wollen“, stammen jedoch aus der Berufswelt: die „Challenge“ etwa oder die verquere Redewendung, dass man „out of the box“ denken müsse, also über den Tellerrand hinausschauen solle. Im Falle Stuttgarts über den Kesselrand hinaus.

Diese Aufstellung lässt sich beliebig mit Beispielen aus der Region ergänzen: Hat man in einem Meeting gerade keine Antwort parat und weiß auch sonst nicht weiter, dann findet sich garantiert jemand, der „das Thema mitnimmt“ – wohin auch immer. Ach ja, und an allen Ecken und Enden „zahlt etwas auf etwas ein“. Sprachlich herrscht gerade ein reger Zahlungsverkehr. Und am Ende des Tages stellt man fest: Wir reden irgendwie fast alle so. Der Mensch ist dem Menschen ein Papagei – oder ein Affe.

So mancher hangelt sich nämlich wie ein Äffchen von Floskel zu Floskel. Denglisch leistet dabei wichtige Dienste. „Hello in the round“, lautet der Titel eines Buches, das sich mit der Sprache in den heutigen Digitalkonferenzen beschäftigt. Tatsächlich macht sich die Pandemie auch sprachlich bemerkbar. Inzwischen werden nicht nur Menschen, sondern auch alle möglichen Themen „geboostert“. Unabhängig davon besteht die Neigung, Dingen durch Englisch eine vermeintlich größere Bedeutung zu verleihen, als sie es auf Deutsch haben: „Out now!“ – so preist ein Stuttgarter Unternehmen die neue Ausgabe seines Mitarbeitermagazins an. „Nice!“ Als Leser kann man den dazugehörenden „Content“ kaum erwarten. Und wenn die Erwartungen erfüllt sind, lässt man die Welt wissen: „Made my day!“

Neben den harmlosen Sprachmoden gibt’s allerdings auch solche, die richtig ärgerlich sind. Wenn etwa Begriffe gekapert und instrumentalisiert werden. Dazu gehört der an sich harmlose „Spaziergang“, der seine Unschuld verloren hat, weil Coronaleugner ihn als Mittel verwenden, um das Versammlungsrecht auszuhebeln. Dazu ist so viel zu sagen: Statt zu Schwadronieren und zu lamentieren und euch aufzuführen – geht lieber richtig spazieren! Stammt nicht von Kästner. Er hätte es viel schöner formuliert.








Schauplatz Stuttgart

Wohin gehen die Trends im Jahr 2022?

Uwe Bogen

Die Coronakrise hat die Bedeutung von Tiktok, Instagram, Facebook & Co. noch weiter verstärkt. Die Nutzerzahlen der digitalen Plattformen erreichen neue Rekordhöhen. „Marken haben immer bessere Möglichkeiten, sich in den sozialen Medien zu positionieren“, sagt Constantin Schiller , der mit Pascal Hof dieAgentur Schillerhof für Influencer Marketing in Stuttgart betreibt und zu den Gewinnern der Pandemie zählt. Zwar ist bei den beiden das Geschäftsfeld, Influencer-Events etwa zur Präsentationen neuer Automodelle zu organisieren, weggebrochen, doch gleichzeitig verlagern sich die Budgets ihrer Kunden auf neue digitale Angebote.

Unter anderem hat das Kreativbüro für die baden-württembergische Landesregierung bei der neuen „The Länd“-Kampagne den Social-Media-Content produziert. Wir haben die beiden Influencer-Experten sowie ihren Kollegen Manuel Ellwanger , Geschäftsführer der Innovation Heroes, zu den Trends von 2022 befragt.

Die Netzwelt wird politischer, lautet die erste Prognose von Schiller und Hof. Der Trend gehe weg von den selbstverliebten Posts, bei denen sich viele mit Fotoapps bis zur Unkenntlichkeit verjüngen oder mit ihrem Essen angeben, stattdessen beschäftigten sich immer mehr mit wirklich wichtigen Dingen, nicht mit Oberflächlichkeiten.

Das Klima, Gesundheit, Diversität, Gendern, Umweltschutz, digital geschützte Besitztümer, Plastikersatz, Werte und Moral – dies sind aus Sicht von Schillerhof weitere Themen im neuen Jahr. „In den sozialen Medien lernt man seine Freunde oder die, die man dafür hielt, neu kennen“, sagt Hof, „es wird einem dabei klar, mit wem man einer Meinung ist. Und auch, mit wem eben nicht.“

Die Agentur Schillerhof empfiehlt seinen Kunden, klare Kante zu zeigen. Wahlen, sagen die Social-Media-Experten, voraus, werden immer klarer im Netz gewonnen. Eine weitere Entwicklung, die sich abzeichne, sei die „Positionierung von Marken zu gesellschaftlichen und politischen Themen wie der Gender-Debatte, Nachhaltigkeit oder Impfen“. Das Prinzip des Greenwashing werde auf andere Themenfelder ausgeweitet: „Populäre Meinungen zu gesellschaftsrelevanten Themen werden wirkungsvoll zu Marketingzwecken in die Kommunikation mit aufgenommen.“

Nach der langen Zeit des sich Abschottens daheim erwarten Schiller und Hof ein Comeback kreativer Runden im realen Leben. „Die Sehnsucht, sich bei einem analogen Treffen auszutauschen, gemeinsam rumzuspinnen, wird immer stärker“, erwarten die beiden. Für die Kreativität sei dies enorm wichtig. Videokonferenzen seien nur ein schwacher Ersatz. Dennoch werde man die Vorteile des Homeoffice, etwa den Alltag besser mit der Arbeit vereinbaren zu können, auch in Zukunft nutzen. „Man wird das Beste aus beiden Welten übernehmen“, sagen sie.

Die Vielfalt wird Mainstream, wie Schiller und Hof erwarten. Gendern sei bald kein Streitfall mehr. „Die Jüngeren machen es einfach, ohne sich Gedanken zu machen.“ Toxische Männlichkeit wird wohl was fürs Museum. Die Zukunft könnte so aussehen: Die tradierten Geschlechterrollen verlieren an gesellschaftlicher Bedeutung. Diversität wird als Normalität erkannt, also als Gewinn.

Auch das Thema Gesundheit könnte zum Trend von 2022 werden. Der Ernährungsstil, etwa die Verwendung von Milchersatz wie Haferdrinks, zeige, wie wichtig beim Essen und Trinken für immer mehr Menschen Moral und Werte sind. Pflanzliche Alternativen werden nicht nur als gut für die eigene Gesundheit wahrgenommen, sondern auch für die Umwelt und für das gesamte Klima.

Nach dem Erfolg des Städteurlaubs in Deutschland erwarten die Influencer einen erneuten Boom bei Fernreisen. „Zwar steht Fliegen gegen das Klima“, sagt Schiller, „aber nach der harten Zeit in der Pandemie denkt man wieder stärker an sich selbst.“

Wer selbst nicht bis ans andere Ende der Welt fliegen kann, kann sich vielleicht neue digitale Freiheiten leisten. Der NFT-Hype, erwartet Schillerhof, nimmt noch an Schärfe zu und vermischt sich stärker als bisher mit dem analogen Leben. NFT bedeutet „Non-Fungible Token“. Dabei geht es, wörtlich übersetzt, um ein „nicht austauschbares Objekt“, um digitale Anteile an ganz unterschiedlichen Besitztümern.

Im Internet bezeichnet das Kürzel NFT ein „einzigartiges digitales Kennzeichen“, ein Eigentums- und Echtheitszertifikat also, das nicht ersetzbar und kopierbar ist. Menschen, die nicht zu den ganz Reichen gehören, können auf diese Weise Minianteile an Kunstwerken, Videos, Immobilien, Jachten, sogar an Sneakers erwerben. Der Markt für NFT setzt sich nach Meinung der Influencer immer weiter durch. „Gerade in der andauernden Niedrigzinsphase suchen Kleinanleger Investments mit geringen Mindestzeichnungssummen“, beobachtet Manuel Ellwange r, Experte für Finanzfragen, der das Thema im Herbst bei einer digitalen Messe in Stuttgart einbringen will. Dank NFT lasse sich das zur Verfügung stehende Geld besser streuen, sagt der Geschäftsführer der Agentur Innovation Heroes: „Man kann relativ geringe Summen für digitale Anteile investieren, was besonders junge Anlieger anlockt.“ Jeder könne NFTs erstellen, Sammler wie Anleger, auf virtuellen Marktplätzen anbieten oder verkaufen. Ellwanger warnt: „Das Risiko bei NFT ist sehr groß, man kauft oft die Katze im Sack – es ist ein Risiko bis zum Totalverlust.“ Denn Token-Anleger würden bei einer Insolvenz „nachrangig behandelt“.

2022 – das neue Jahr wird noch viele Überraschungen bringen. Die Zukunft kommt meist schneller, als uns lieb ist.