Kommentar

Regeln sind für alle da

Natürlich ist dieser austrainierte Typ eine Ausnahmeerscheinung. Da reicht allein ein Blick in seine sportliche Bilanz. 86 Turniere hat er gewonnen, 353 Wochen lang war er bislang die Nummer eins der Tenniswelt, mehr Grand-Slam-Titel (20) hat noch keiner eingesammelt – und entlohnt wurde all das mit Preisgeldern in Höhe von fast 155 Millionen US-Dollar (rund 135 Millionen Euro). Aber ist Novak Djokovic auch eine Ausnahme?

Nein, urteilte jüngst der australische Minister für Einwanderung, Alex Hawke. Djokovic sah das anders, wollte ungeimpft einreisen, an den Australian Open teilnehmen und hat sich hierfür eine medizinisch begründete Ausnahmegenehmigung ausstellen lassen – die jedoch derart viele Ungereimtheitenzutage förderte, dass auch nach Tagen dieses Schauspiels noch unklar ist, ob der Serbe nun von Montag an den Versuch unternehmen darf, in Melbourne zum zehnten Mal zu gewinnen.

Warum macht der „Djoker“ das? Der 34-Jährige ist, wie alle Sportlerinnen und Sportler auf diesem Niveau, getrieben von Ehrgeiz. Doch geht es in diesem Fall auch um sein Selbstverständnis – und um den Bezug zur Realität, der im Spitzensport mitunter verloren geht. Auf Top-Level werden in Top-Sportarten Megagehälter verdient, dazu kommen Werbemillionen und der verliehene Heldenstatus. Wenn es gut läuft, dient die Familie als Korrektiv, aber auch hier gibt es die Neigung zur Vergötterung. Und irgendwann ist es gar nicht mehr so seltsam, dass in dieser surrealen Welt die Maßstäbe verloren gehen. Dabei sollten auch Privilegierte den Blick auf die Realität wahren.

In Australien galten für sehr lange Zeit sehr harte Regeln für die Einheimischen. Ungeimpft soll im Grunde keiner ins Land kommen. Djokovic, ganz sich selbst verpflichtet, ist ungeimpft – und wollte dennoch einreisen. Natürlich darf auch einer wie er von Rechten Gebrauch machen und eine Ausnahme beantragen. Sehr viel deutet nach den Erkenntnissen der vergangenen Tage aber darauf hin, dass Djokovic seine Regeln am liebsten selbst macht.Gestützt, nicht korrigiert von seinem Umfeld.

Stand Freitagabend ist er damit nicht durchgekommen. Bleibt es dabei, ist das ein wichtiges Signal an jene, die – gerade im Fall der Pandemie – Regeln respektieren, dafür auch Einschränkungen in Kauf nehmen und ihren Teil zum Schutz der Allgemeinheit beitragen. Hätte Djokovic diesen Regeln mehr Respekt entgegengebracht, hätte er nie den Versuch unternommen, nach Australien zu reisen. Dass sein Fall nun die ganze Welt beschäftigt, ist indes kein Wunder. Es geht nur noch am Rande um Tennis – es geht um die Coronapandemie. Und die geht alle an. Ganz normale Bürgerinnen und Bürger ebenso wie Spitzensportler. Und zwar gleichermaßen.