Genuss-Sache

Viel Liebe für Rosenkohl

Anja Wasserbäch

Ein neues Jahr, ein neuer Kalender, noch leere Seiten cremefarbenes Papier. Jetzt ist die beste Zeit für eine Inventur. Es gibt Leute, die halten sich an einen „Dry January“ und trinken keinen Alkohol. Manche rufen den „Veganuary“ aus und essen keine tierischen Produkte, sondern ernähren sich vegan. Der erste Monat eines jeden Jahres bedeutet auch, dass man die Festmahle durch karges Essen ersetzen sollte. Zumindest wollen uns das irgendwelche Werbe­tafeln weismachen.

Es gibt eine andere Art des Kochens, aber nicht des Darbens, wenn man eine Inventur im Vorratsschrank macht. Was ist da, was muss dringend aufgebraucht werden? Dieses Viertelpäckchen Linsen, die getrockneten Kichererbsen, die offene Packung mit den Lasagneblättern. Und Reis ist auch noch übrig. All diese Zutaten sollten mit Gemüse kombiniert werden. Beispielsweise mit Rosenkohl, diesem Geschenk der Natur, zu dem man nicht keine Meinung haben kann. Man liebt oder hasst ihn. So wie Oliven oder Marmite. Die Zubereitung von Rosenkohl hat sich im Laufe der Jahre zum Glück sehr verändert. Man erinnert sich mit Grauen an die 1980er Jahre, als er in Mehlschwitzen-Soßen ertrank und keinen Hauch mehr um Hilfe betteln konnte. Der eigene Geschmack von Rosenkohl war futsch. Es soll Kantinen geben, die dieses schreckliche Erlebnis zu imitieren versuchen.

Rosenkohl braucht nicht lange in der Pfanne. Wer möchte, kombiniert ihn schlicht mit Speck und Muskatnuss, kann ihn auch knackig als Salat (gut auch in Kombination mit Orangenfilets) servieren oder im Ofen rösten: Er kommt mit Sesamöl und Salz für circa 20 Minuten in den Backofen. Mit Ingwer, Chili, Zucker, Sojasoße, der Reisweinsorte Mirin und Reisessig wird eine Marinade im Topf hergestellt. Dann den Rosenkohl mit der Marinade in einer Schüssel schwenken. Dazu passt der Reis aus dem Vorratsschrank, der schon lange aufgebraucht gehört.



Adrienne Braun

Krempel zu verschenken

Adrienne Braun

Objektiv betrachtet kann ich behaupten: Ich bin reich. Ich bin sogar sehr reich – anders lässt sich nicht erklären, dass ich so viel zu verschenken habe. Zum Beispiel könnte ich Versandtaschenklammern verschenken. Oder Klarsichthüllen. Vor allem verfüge ich über eine ganz bemerkenswerte Kollektion bunter Haushaltsgummis. Deshalb ist mir auch schon bang vor der nächsten Spargel­saison. Sollte ich dann noch ein Bündel Rucola kaufen oder einen Blumenstrauß, wird meine Gummi-Schublade endgültig überquellen.

Aber als umweltbewusster Mensch hebe ich selbstverständlich auf, was sich noch verwenden lässt. Luftpolsterfolie. Oder Pappe aus Hemdenverpackungen. Brötchentüten. Als jetzt mein hölzerner Wäscheständer zusammenbrach, habe ich ihn sorgfältig auseinandergenommen und jede einzelne Stange abgeschraubt. Deshalb besitze ich nun nicht nur noch mehr alte Schrauben, sondern auch ein vielfältiges Sortiment an Stäben, Latten und Leisten. Falls also jemand mal eine nur unwesentlich verbogene Buchenholzstange benötigt – ich helfe gern aus. Auch mit Schrauben.

Wobei es erstaunlich ist: Da hebt man jahrelang sämtliche Päckchen auf, weil man sie vielleicht noch mal benötigt. Aber wenn man dann seine Leserschaft mit einer Buchenholzstange oder den bestens erhaltenen Latten eines Wäscheständers beglücken will, hat man natürlich keine passende Verpackung parat, sondern müsste eine neue kaufen.

Eine Freundin behauptet, dass ich für die Stangen und Latten meines Wäscheständers garantiert nie mehr Verwendung haben werde. Sie hat vor Jahren eine Holzjalousie seitlich gekürzt und wartet bis heute darauf, dass sie eines der Lamellen-Reststücke irgendwo reinklemmen oder sie zum Aufdoppeln oder Unterlegen verwenden könnte. Deshalb ist sie überzeugt, dass ich mit den Wäscheständerstangen zwar theoretisch Pflanzen hochbinden oder mal eine Fahne aufhängen könnte, es aber nie tun würde, weil man die Dinge immer dann nicht findet, wenn man für sie endlich eine Verwendung hat.

Wahrscheinlich werden die Einzelteile des Wäscheständers den üblichen Weg gehen. Erst stauben sie in der Wohnung ein. Dann wandern sie in den Keller oder ziehen in die Garage oder irgendwelche Schuppen – um eines Tages endlich großmütig verschenkt zu werden. Als ich jetzt in meiner Tütentüte nach einer Tüte suchte, um meine Gummis attraktiv vor dem Haus in einer Grabbelkiste feilzubieten, fielen mir mehrere Stofftaschen in die Hände, die definitiv nicht mir gehören. Deshalb weiß ich jetzt, was man mit Wäscheständerstangen tun könnte: lieben Freundinnen auf den Allwertesten klopfen, wenn sie beim nächsten Besuch wieder dabei sind, ihren Kram unauffällig bei mir zu entsorgen.



Dinge der Woche

Doppelte Nulllösung

Tom Hörner

Die erste Woche des Jahres ist ja nur dazu da, um das Raclette und das Ergebnis des Neujahrsspringens zu verdauen. Erst seit die FDP auf dem Dreikönigstreffen mit dem Slogan „Gelb regiert die Welt“ die Aussichten präzisiert hat, wird wieder in die Hände gespuckt. Es kommt Leben in die Bude.

Wobei das mit dem Leben und der Bude so eine Sache ist. Für den Preis einer Einzimmerwohnung hätte man vor 30 Jahren noch halb Berlin bekommen, zumindest den Ostteil. Und nicht wenige junge Menschen sollen Umfragen zufolge überlegen, ob man in diese klimakatastrophale Welt überhaupt noch Kinder setzen dürfe. Immerhin haben sie begriffen: Das Leben ist ein Geschenk und, anders als die Lieferung von Zalando, vom Umtausch ausgeschlossen.

Wenn dann eine Umfrage unter der eigenen Brut ergibt, dass die kaum Zukunftsängste hat, fragt man sich schon: Was hat man falsch gemacht in der Erziehung, dass die aus der Art schlägt?

Früher, als ich noch der Überzeugung war, alle Welt von meinem auf Frohsinn basierenden schlichten Weltbild überzeugen zu müssen, hätte ich versucht, die heranwachsenden Untergangsgläubigen vom Weg abzubringen. Ich hätte mich nackt vors Haus in meinen Steingarten gestellt und in die feinstaubgeschwängerte Morgenluft gerufen: „Kinder, macht halblang. Jede Generation hat ihre Zweifel. Wir wollten uns wegen der Hochrüstung in West und Ost vom Reproduktionsprozess abkoppeln. Irgendwann kam die doppelte Nulllösung, wir legten unsere Ladehemmung beiseite und vermehrten uns mit Zeitverzögerung. Und wie, liebe Kinder, sollen wir ohne euer Zutun den Fachkräftemangel beheben!“

So hätte ich früher argumentiert. Und heute? Bin ich weit davon entfernt, Menschen, die der Meinung sind, wegen des Klimawandels keine Kinder in die Welt setzen zu dürfen, umzustimmen. Wer meint, global ginge es bergab, sollte die Hände vom Nachwuchs lassen. Schon wegen der Stimmung.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich könnte mir vorstellen, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem der biologische Fußabdruck das Maß aller Dinge ist. Oder die Welt im Kindersitz aus der Lastenrad-Perspektive zu entdecken. Aber in ein Milieu von Miesepetern und Miesepetras hineingeboren zu werden, die den Glauben an die Zukunft aufgegeben haben? Dann lieber als Maulwurf das Licht der Welt erblicken.

Da jeder neue Erdenbürger eine Umweltbelastung ist, könnte die Kinder­losigkeit sogar hilfreich sein. Nur den Fachkräftemangel haben wir dann immer noch nicht behoben.



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